webarte

Gaia Spirit Interview:

 

Olaf Jakobsen

Freies Aufstellen



Du hast die Methode des „freien systemischen Aufstellens“ entwickelt.
Was unterscheidet diese Methode vom klassischen Familienstellen und was
ist daran gleich?
Der Unterschied ist, dass beim Freien Aufstellen die Teilnehmer ganz "frei" über Ihre Aufstellung bestimmen dürfen. Es gibt niemanden, der dem Teilnehmer sagt, was er tun oder lassen sollte, was gut oder schlecht für ihn sei, was wichtig oder unwichtig ist, was relevant ist oder nicht. Das erfühlt, entscheidet und erfährt jeder Teilnehmer für sich selbst. Der Moderator, die Stellvertreter und die übrigen Gruppenteilnehmer haben nur eine beratende Funktion und fällen keine Entscheidungen. Somit liegt auch die Verantwortung für die Aufstellung vollkommen in der Hand der aufstellenden Person. Sie ist beim Durchführen ihrer Aufstellung absolut "eigenverantwortlich".
Gleich ist, dass Stellvertreter für bestimmte Thematiken ausgesucht werden. Diese Stellvertreter folgen dann ihren Gefühlen und spontanen Impulsen. Ebenso gleich ist, dass danach gesucht wird, für das aufgestellte System ein besseres, sprich: für alle angenehmeres Gleichgewicht zu finden. Man sucht gemeinsam nach einer Lösung für das Problem, welches der Teilnehmer mitbringt.

Jeder Mensch ist mit verschiedenen Themen und Energiemustern in
Resonanz. Was ist diesbezüglich das Ziel Deiner Arbeit?
Mein Ziel ist, anderen Menschen den Raum anzubieten, gezielt eigene Erfahrungen mit dem Resonanz-Phänomen in den Aufstellungen machen zu können, sich dabei selbst genauer kennenzulernen und die eine oder andere Erkenntnis erhalten zu können. Welche Ziele dann die Teilnehmer selbst innerhalb dieses Rahmens mitbringen, kann und möchte ich nicht beeinflussen. Würde ich für die Teilnehmer Ziele formulieren, dann würde ich ja das "Freie Aufstellen" verlassen und anstelle der Teilnehmer Entscheidungen fällen.

Wann hat der Mensch Deiner Meinung nach die Freiheit zu entscheiden, ob
er seinem Mitmenschen als Spiegel zur Verfügung stehen will und wann nicht?
In dem Moment, in dem es ihm bewusst ist, dass er ja gerade als Spiegel zur Verfügung steht, und wenn in ihm kein unbewusster Wunsch existiert, der die eine oder andere Entscheidung unbewusst mit beeinflusst. Beispiel: Mir wird bewusst, dass ich gerade meiner Partnerin etwas spiegele. Ich könnte sofort damit aufhören, wenn ich NICHT den Wunsch hätte, dass sich bei Ihr durch mein Spiegeln etwas verändert, wenn ich sie also genauso nehmen kann, wie sie gerade ist. Oft spiegeln wir dem anderen etwas, weil wir sehnlichst wünschen, dass der andere dadurch etwas erkennen kann und durch seine Erkenntnis befreit wird. Können wir es jedoch annehmen, dass der andere keine Erkenntnis hat und können unseren eigenen Wunsch nach Veränderung loslassen, dann haben wir auch besser die Wahl, ob wir spiegeln oder nicht.

Vor einiger Zeit hast Du einmal gesagt, Du mußt bei Deiner Arbeit nichts
tun., Du bist überwiegend Beobachter. Vertraust Du immer voll darauf,
dass die Dynamik, die sich in der Aufstellungsarbeit entwickelt,
problemlösend wirkt?
Ich sage sogar: Ich "arbeite" nicht. Der Teilnehmer arbeitet an seinem Problem - ich nicht. Also gibt es da auch nichts von meiner Seite zu "vertrauen". Entweder es löst sich für den Teilnehmer etwas, oder es bewegt sich nur einen kleinen Schritt weiter, oder es tut sich gar nichts, oder es wird schlimmer. Alles ist möglich. Das Entscheidende ist immer: Was ist das bewusste oder unbewusste Ziel des Teilnehmers? Das ist der Maßstab. Und wenn der Teilnehmer sein Ziel mit seiner Aufstellung nicht erreichen kann, dann teile ich ihm meinen Vorschlag mit, auch hier sagen zu können: "Aus irgendeinem Grund gehört das gerade dazu und will uns etwas zeigen. Vielleicht wird es ja später irgendwann einmal klar, warum sich hier noch nichts lösen konnte?" Und er entscheidet dann, ob er meinen Vorschlag annimmt - oder selbst eine bessere Idee hat.

Geschieht die Lösung dann von selbst, oder kann die Person willentlich
etwas steuern?
Wie gesagt, ob etwas eine Lösung darstellt, liegt immer an unserem eigenen Blickwinkel. Es kann sein, dass eine Aufstellung an einem Punkt stehen bleibt, die für einige Teilnehmer klar eine Lösung zeigt, für andere Teilnehmer eher eine Verschlimmerung darstellt. Diese Frage impliziert ein wenig, dass wir "Opfer" einer Lösung sind, dass wir auf eine Lösung warten oder dass wir von einer Lösung abhängig sind. Nein - wir können kreativ jeden Moment des Lebens als "Lösung" betrachten, wenn wir wollen. Es hängt von unserem eigenen persönlichen Standpunkt und von unseren persönlichen Zielen ab, was für uns eine Lösung ist und was nicht. Dementsprechend können wir auch jederzeit unseren Standpunkt oder unser Ziel ändern.
Zu der Frage, ob sich etwas "steuern" lässt: Auch hier ist der Hintergrund, dass sich eventuell etwas nicht steuern lässt - und wir damit wieder Opfer der Umstände sind. Da jeder Teilnehmer für seine Aufstellung jede Entscheidung fällen kann, kann er auch alles Mögliche und Unmögliche ausprobieren. Das einzige, was sich nicht steuern lässt, sind die Gefühle der Stellvertreter. Sie spiegeln nur und geben ein Feedback über das, was der Teilnehmer gerade ausprobiert hat. So lernt der Teilnehmer immer genauer die Situation und die dort vorhandenen Möglichkeiten und Grenzen kennen. Aus meiner Perspektive ist bereits jeder kleine Lernprozess ein Schritt und damit eine kleine Lösung. Selbst wenn wir kennengelernt haben, dass wir hier gerade nichts lernen können.