Matriarchale Gemeinschaft im Kapitalismus
Gemeinsam Wirtschaften
Die Wiederkehr des Archetyps der großen Mutter, rückt mütterliche Werte wieder mehr ins Bewusstsein. Auf allen Ebenen, sei es im religiösen Bereich, im ökologischen Bewusstsein, im Wirtschaftssystem oder in der Politik, rüttelt die Kraft der Mütterlichkeit an den Grundfesten der patriarchalen Strukturen. Seit einiger Zeit, kursiert in der Gemeinschaftsbewegung die Idee von einer Ökonomie des Schenkens, welche von der Ökofeministin Genevieve Vaughan stammt und nach Deutschland eingeführt wurde. Durch die Schenk-Ökonomie möchte die mütterliche Qualität des gebens, ohne etwas dafür zurück zu erwarten, im kollektiven Bewusstsein wieder an Wertschätzung gewinnen. Die menschliche Fähigkeit zur Fürsorge ist schon längst von den globalen politischen und wirtschaftlichen Strukturen abgespalten. Gibt es überhaupt noch eine reale Verbindung zwischen den sozialen Anforderungen der Menschen und dem globalen Finanzsystem? Zeitgleich zur Finanzkrise, wird die Realisierbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens recht intensiv debattiert. Obwohl die, die gewohnheitsmäßig anführen, keine glaubwürdig guten Konzepte vorweisen können, um den sprichwörtlichen „Karren aus dem Dreck zu ziehen“, sind sie noch nicht bereit ihren Zustand der Hilflosigkeit anzuerkennen. Aber das Bedürfnis nach mehr Solidarität vieler Menschen, kann den kollektiven Wandel der Werte nicht mehr aufhalten. Vor allem, das Erkennen, dass der Wert einer Arbeit nicht an ihrem Lohn gemessen werden kann, stellt die Werte des Kapitalismus radikal in Frage. Ob das „in Frage stellen“ von bisher gültigen Werten, alle Menschen zum Umdenken bewegen kann, oder ob die Zahl der Idealisten eine Minderheit bleibt, das wird die Zeit zeigen.
Gemeinsame Ökonomie
Weltweit suchen Menschen nach neuen Formen des Zusammenlebens, aktuelle Projekte experimentieren bereits mit ökonomischen Strukturen, in welchen die Profitgier, durch das Wirken mütterlicher Prinzipien ersetzt wird.
Die gemeinsame Ökonomie ist eine Lösung, um das menschliche Bedürfnis nach gerechter Verteilung der Mittel und nach Sicherheit zu erfüllen. Diesem Bedürfnis versucht unser Sozialstaat zwar vom Ansatz her gerecht zu werden, aber den Machthabern fehlt der direkte Bezug zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Das Verwaltungssystem unseres Sozialstaates ist zu unflexibel und die Politik der ARGE und der Krankenkassen zu kurzsichtig und zu wenig kooperativ, dadurch bleiben noch immer zu viele Menschen in der Abhängigkeit von Harzt IV. Wer sich in die Selbständigkeit hocharbeiten will, muß mit unverhältnismäßig hohen Krankenkassenbeiträgen rechnen.
Als Alternative zu unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem, hat die Kommune Niederkaufungen, das Konzept der gemeinsamen Ökonomie erfolgreich umgesetzt. Der Lohn aller Gemeinschaftsmitglieder fließt in eine gemeinsame Kasse, aus welcher die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft finanziert werden. Steffen Andreae, ein Mitbegründer dieses Lebensmodells sagt; „Das System der gemeinsamen Ökonomie hilft mir aktiv auszusteigen, aus der Bewertung anderer über das Medium Geld.“ Die Motivation dazu, eine Gemeinschaftsstruktur mit gemeinsamer Ökonomie zu erschaffen, besteht in dem Wunsch sich von dem eigenen Vorteils- und Konkurrenzdenken und der Gier zu befreien. So ein System kann nur funktionieren, wenn jedes Mitglied ein Idealist ist, Verantwortung trägt und den anderen Mitgliedern Vertrauen entgegenbringt.
Bedingungsloses geben
Matriarchale Gemeinschaft setzt eine Wirtschaftsstruktur voraus, welche den Wert des bedingungslosen Gebens als wirtschaftlich gleichwertigen Faktor mit einbezieht. Kapitalismus ist gleich Patriarchat ist gleich Machtsystem. Alle uns bekannten Machtsysteme beuten das mütterliche Prinzip aus. In einer matriarchalen Gesellschaft kann Liebe und Sexualität, frei vom materiellen Versorgungsgedanken erfahren werden. Es stellt sich nun die Frage, will das matriarchale Gesellschaftssystem das Kapitalismus-Patriarchat ersetzen oder werden die gegensätzlichen Strukturen zu einem größeren Ganzen verschmelzen? Aufrechnen, sich messen und miteinander konkurrieren, sind männliche Werte, die nur deshalb eine Vormachtstellung innehaben können, weil sowohl Männer, als auch viele Frauen und Mütter, diese Werte höher einstufen, als die bedingungslose Liebe, der sie keinen wirtschaftlichen Wert zugestehen. Die Fürsorge der Mütter für die Kinder, die Fürsorge für alte und kranke Menschen; all dieses mütterliche Geben, auf dem Leben aufbaut, wird von unserem Wirtschaftssystem ausgebeutet. Ein gemeinschaftsförderndes System zeichnet sich dadurch aus, indem es einen lebendigen, lebensnahen Austausch zwischen wirtschaftlichen Anforderungen und den fürsorglichen Bedürfnissen des täglichen Zusammenlebens pflegt. Zentralisierte Herrschaftsformen und Hierarchische Systeme, sind dafür, wie die Erfahrung zeigt, ungeeignet. Unsere Erde braucht mehr Idealisten.
Scott Peck schrieb in seinem Buch Gemeinschaftsbildung: „Ein Idealist ist für mich jemand, der an die menschliche Fähigkeit zur Transformation glaubt.
Transformation ist die Fähigkeit, das was uns trennt anzuerkennen und bereit zu sein, der inneren Angst und dem Widerstand gegen Veränderung mutig und liebevoll zu begegnen.
Der Zusammenhang zwischen Ehe und Kapitalismus
Daß alles was auf dieser Erde passiert, miteinander in Verbindung gebracht werden kann, ist bekannt. Nichts existiert unabhängig vom anderen, alles bedingt sich gegenseitig. Wenn in Afrika die Kinder an Hunger sterben, dann hat das einen direkten Zusammenhang mit unserer Gier, unseren Ernährungsgewohnheiten und unserer Wirtschaftspolitik. Das kollektive Mangelbewußtsein, das Denken und Handeln von allen Menschen auf dieser Erde erschafft unsere gemeinsame Realität und auch unsere Systeme.
Unsere Systeme sind erstarrt und veränderungsbedürftig, das globale Wirtschaftssystem genauso wie unsere Religionen, z.B. das Christentum mit seinem Ideal der Ehe. Der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und dem System Ehe ist zwar nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber vielleicht auf den zweiten. Vom globalen Kapitalismus zum kapitalistischen Verständnis von Ehe, die unter anderem einen wirtschaftlichen Vorteil bringt, ist der Weg nicht weit. Es ist der Weg, von Zuhause bis zur Arbeit. So wie der Mensch in seiner Beziehung geben und nehmen praktiziert, so lebt er dieses Prinzip auch in der Außenwelt, in der Arbeitswelt. Liefert nicht das „in Ehren halten“ der Ehestruktur und der Kleinfamilie die beste Rechtfertigung für eine egoistische,
wirtschaftliche und soziale Abgrenzung zur Außenwelt? Das Machtinstrument Kirche versucht der Auflösung von alten Macht- und Wertestrukturen entgegen zu wirken. Aber ohne die Mitwirkung der Religionen ist eine Gemeinschaftsstruktur, welche wirtschaftliche, soziale und spirituelle Bedürfnisse in ihr Wertesystem integriert, nicht realisierbar. Wegen der großen Komplexität dieses Themas kann es zur Zeit nur Schritte in Richtung Lösung und keine Patentrezepte geben. Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs und wir müssen wieder lernen, eigenverantwortliche Lebenskünstler zu werden und zwischen den Gewissheiten zu wandern.
Mann – Frau Beziehung in der matriarchalen und in der patriarchalen Gemeinschaftsstruktur.
Ich behaupte, eine matriarchale Gemeinschaftsstruktur würde es Männern und Frauen erleichtern, ihre materiellen und emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen. Vorausgesetzt, dass der Geist, der durch eine Struktur wirkt verstanden und gelebt wird. In einer matriarchalen Gemeinschaft, ist sowohl die Liebe zwischen Mann und Frau, als auch deren sexuelle Beziehung, frei vom wirtschaftlichen Vorteilsgedanken. Die wirtschaftliche Versorgung ist durch die ökonomische Struktur der Gemeinschaft gewährleistet.
Was passiert, wenn wir das bisher gewohnte Konkurrenz- und Vorteilsdenken aufgeben wollen? Der Verstand gerät in Angst, der Faktor der Unsicherheit könnte das mühsam Errungene zerstören. Aber wir wissen ja; das, was wir bekämpfen und versuchen auszuschließen, bekommt Macht über uns. Anstatt Oppositionen gegen das patriarchale oder das matriarchale System zu bilden, gilt es Widersprüche aufzulösen und die Angst, vor dem Verlust der Gewissheiten zuzulassen. Welche Gewissheit gibt nun die Ehe? Der Bund der Ehe, sollte ursprünglich die Verbundenheit mit dem Göttlichen symbolisieren. In vielen Fällen bekommt jedoch im Laufe einer Ehe, das Ich - bezogene Denken, das Bedürfnis, nach gemeinsamer materieller Sicherheit, in der Ehe ein größeres Gewicht als der spirituelle Ursprungsgedanke. Daraus entsteht eine Dynamik, welche das Bedürfnis nach materieller Sicherheit an die sexuelle Bedürfnisbefriedigung bindet – eine ungünstige Basis für die Entfaltung von bedingungsloser Liebe.
Während die Frau sich um die Kinder kümmert, sorgt der Mann finanziell für seine Frau und die Kinder. Wenn man es rein praktisch betrachtet, dann sind Mann und Frau zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden, das ein Tauschgeschäft gemacht hat. Wirtschaftliche Fürsorge gegen Liebe und Sex. Bedingung ist, dass beide Partner ein Leben lang, nur innerhalb dieser Beziehung Sex haben dürfen und auch möglichst keinen anderen Menschen lieben sollen. Diese eifersüchtige Bedingung bringt ein Verhalten mit sich, welches die Liebe zu anderen Menschen ausschließt und Menschen mit freieren Sichtweisen ausgrenzt. Ausgrenzung ist nicht gemeinschaftsförderlich. Die meisten Paare sind sich dessen oft nicht bewusst, dass sie andere Menschen ausschließen, indem sie der Beziehung zuviel Bedeutung geben. Aber die wenigsten Paare, die sich lebenslange Treue geschworen haben, sind emotional und sexuell wirklich dauerhaft erfüllt. Die Öffnung des Christentums mit seiner Vorstellung der „heiligen Ehe“, für eine globalere, spirituelle Sichtweise und damit der Befreiung von vorgefaßten Meinungen, ist für die Entwicklung einer menschlicheren Ökonomie und für die Erziehung zu gemeinschaftsfähigen Menschen von großer Wichtigkeit.
Eine Gemeinschaftsstruktur, in der alle gemeinsam dafür sorgen, dass die Bedürfnisse des Individuums, mit denen der Gemeinschaft im Gleichgewicht sind, erscheint vielen Menschen noch utopisch. Nicht zuletzt macht uns die Angst vor dem Verlust unserer Individualität, vor Mißbrauch und gegenseitiger Abhängigkeit mißtrauisch. Doch schließlich ist die Vorstellung; alles wird so weitergehen wie bisher, mindestens genauso unrealistisch, wie die Utopie einer idealen Gemeinschaft. Wenn viele gemeinsam träumen, dann ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Der Traum hat nur einen Haken, unser Ich muß bereit sein zu sterben: Wie Scott Peck so schön sagt; „das gemeinsame Erleben des Gebrochenseins ist der Weg in die Gemeinschaft“.