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Mutter sein in Tamera

 

Was ist Tamera?

Tamera ist eine Zukunftswerkstatt und ein internationaler Treffpunkt für Friedensarbeiter aus vielen Teilen der Erde. Tamera liegt im Südwesten Portugals, wurde 1995 auf 134 ha Land gegründet und hat heute über 200 MitarbeiterInnen und StudentInnen.

 

Mit seinem Forschungszentrum für dezentrale Energietechnologie – dem Solarvillage, mit seiner Permakultur-Seenlandschaft mitten im trockenen Alentejo, mit seinen experimentellen Lehmbau- und Leichtbau-Architekturen - ist Tamera ein Experimentier- und Ausbildungsplatz für den Aufbau von Friedensdörfern weltweit. Im Zentrum seiner Forschungsarbeit liegen die inneren Themen des Menschen: Liebe, Sexualität, Partnerschaft und Gemeinschaft.

Tamera verbindet seine Forschungsarbeit mit politischer Netzwerkarbeit, Pilgerschaften, Hilfs- und Friedensaktionen in Krisengebieten.

Homepage: www.tamera.org

 

Gabriele Wölfel führte das Interview mit Silvia Belgardt und Jana Elger

 

Es interessiert mich, welche ethischen Werte für die Bewohner in Tamera zum Thema "Mutter sein" und Kindererziehung grundlegend sind.

Findet ihr es wichtig, dass eine Mutter die meiste Zeit bei ihren Kindern ist?

S.B: Die ethischen Werte unserer Gemeinschaft sind Wahrheit, Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und verantwortliche Teilnahme an der Gemeinschaft. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, zu erforschen, wie Menschen unter diesen Werten zusammenleben können.

Ich denke, die Wahrheit einer Mutter ist, dass sie auch Frau ist, d. h. dass sie neben dem Kind noch ein Leben führen möchte, das sie ausfüllt. Für Mütter in Tamera ist der richtige Platz inmitten der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft ist das natürliche, heilende Bett eines jeden Menschen. Ein erfülltes Leben hat mit dem gesamten Spektrum des Lebens zu tun: der Einbettung in eine Gruppe von Menschen, dem richtigen Beruf, spiritueller Verbundenheit, geistigem Wachstum und einer erfüllten Sexualität. Ist die Mutter in diesem Sinn eingebettet, kann sie ihrem Kind ein Gegenüber sein. Sie lebt ein erfülltes Leben und erfüllt dadurch das Kind. Sie muss ihre Erfüllung nicht im Kinderbetreuen finden Sie kann aus einem Teufelskreis austreten, von dem viele schon gar nicht mehr merken, dass sie drinstecken.

 

Die Basis des Neuen, das wir hier aufbauen wollen, ist Vertrauen. Was passiert, wenn das  Kind nach der Geburt in dem Zustand des Vertrauens bleiben darf? Und was passiert, wenn Kinder im Vertrauen aufwachsen? Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in die Umwelt, Vertrauen in die Bezugspersonen.

In der heutigen Kultur wird es den Kindern abgewöhnt, zu vertrauen. Und das in den alltäglichsten Situationen. Die Kinder werden überbehütet, der kleinste Sturz wird mit erschreckten Augen kommentiert, der Verkehr in den Städten führt automatisch dazu, dass sich Kinder nicht mehr frei bewegen können.

 

Mütter in Tamera müssen nicht die ganze Zeit mit ihren Kindern zusammen sein. Hier muss natürlich auch auf das Alter des Kindes und seine individuelle Lebenssituation geschaut werden. Jedes Alter hat seine eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Distanz.

Die Mütter sorgen dafür, dass es genug Menschen gibt, die sich mit um das Kind kümmern, die da sind, wenn sie arbeiten geht oder Zeit für sich selbst möchte. In einer Gemeinschaft gibt es andere Menschen, die gerne das Kind zu sich nehmen. Hier entstehen richtige Freundschaften zwischen dem Kind und anderen Erwachsenen. Die Kinder suchen sich ihre Zweit-Mamas und Zweit-Papas aus. Es ist eine Freude, die Kinder zu sehen, wenn sie sich so auf den Weg machen und ihr Bezugsraum immer größer wird.

Wenn es dann von den Abenteuern in der Welt zurück kommt, braucht es Zeit mit Mama -zwei Stunden voller Mutter- Kind- Kontakt. Ich nehme mir mit meinem Sohn die Mittagspause. Diese Zeit ist für uns wirklich frei. Das heißt nicht unbedingt, dass wir die ganze Zeit zusammen etwas machen. Manchmal geht das Interesse gemeinsamen Dingen entgegen, dann wieder will er alleine sein. Aber ich bin da und habe die innere Freiheit, auf seine Impulse einzugehen.

Danach kann er wieder losziehen, voll Neugier und Freude. Und dann, wenn er weg ist, gilt für die Mutter: Loslassen! Ich weiß: Er ist in guten Händen und tritt ein in das große Abenteuer Welt. Ich selbst kann dann meine eigenen Dinge tun, eigene Abenteuer erleben. Bis er wiederkommt und mir freudig in die Arme läuft.

Ich suche nach einem authentischen Kontakt zu meinem Kind. Immer wieder ist es eine Herausforderung, nicht einem falschen schlechten Gewissen aufzulaufen, das mir sagt, dass ich dies oder jenes nicht gut oder genug mache. Das schlechte Gewissen ist der Tod eines authentischen Kontaktes, denn ich habe dann keinen inneren Freiraum für die Bedürfnisse des Kindes, sondern versuche, mein Schuldgefühl mit Ersatzhandlungen zu kompensieren.
Hier ist mir die Gemeinschaft wieder ein willkommenes Rückkoppelungsorgan meiner Handlungen.

 

Wenn ich richtig informiert bin, versteht sich Tamera als Gemeinschafts- und Forschungsprojekt für Frieden und matriarchale Gemeinschaftsstrukturen (MG).
MG heißt knapp gefasst, freie Liebe, Sex ohne Besitzdenken und die wirtschaftlichen Strukturen werden von Müttern verwaltet und sind für die Gemeinschaft tragfähig.

Ist das noch ein Ziel von Tamera wirtschaftlich tragfähige Strukturen  insbesondere auch für Mütter zu entwickeln oder seid ihr diesbezüglich inzwischen desillusioniert?

S. B.: Ja, wir wollen neue Strukturen aufbauen. Und sie sollen auch wirtschaftlich tragfähig sein. Es stellt sich angesichts der Welt- Wirtschaftskrise gleichzeitig die Frage, wie lange die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der Welt noch existieren werden. Immer mehr wird von einem Zusammenbruch der Wirtschaft gesprochen. Eine neue Wirtschaft wird vielleicht viel mehr auf regionale Autarkie aufbauen und mehr auf Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung basieren.

Ist das vorstellbar in der heutigen Zeit, in der so viel auf Wettbewerb, Konkurrenz und Konsum ausgerichtet ist?

Schauen wir auf die Situation von Kuba zur Zeit der Ölblockade. Die Autos standen an den Straßen, liegen geblieben. Die Menschen mussten beginnen, ihr eigenes Gemüse anzubauen und halfen sich gegenseitig. Ganz neue Handelswege wurden erschlossen. Die Menschen wurden kreativ.

Unsere Forschung in Tamera liegt z. B. im Bereich der solaren Energie-Technologien, die  dezentral funktionieren, oder in der Permakultur, die eine Alternative zur gängigen Landwirtschaft ist, aber auch im Bereich von Liebe, Sexualität, Intimität und Zusammenleben. Wir suchen nach neuen Lebensformen, die ein Leben ohne Mittäterschaft in dem globalen Spiel um Macht und Reichtum möglich machen. Es ist offensichtlich, dass es einen Zusammenhang zwischen der inneren Haltung und dem äußeren Agieren gibt. Wir werden also nur tragfähige Strukturen aufbauen können, wenn wir auch bereit sind, an unseren inneren Strukturen zu arbeiten. Denn dadurch, dass wir unseren „inneren Schweinehund“ immer genauer anschauen und kennenlernen, können wir ihn auch zähmen.

J. E: Die Grundlage für neue Lebensstrukturen ist das Leben in Gemeinschaft, damit die gesamten Bereiche von Technologie, Ökologie, Zusammenleben, Kunst usw. auf einer neuen Ebene des Vertrauens und neuer sozialer Gefäße umgesetzt werden können.

 

Seht ihr eine direkte Verbindung zwischen Eurer Netzwerkarbeit (Außenstrukturen) und dem inneren Kreis der Mutterschule, gibt es Unterstützung von " außen"?

S. B: Eine Mutter sollte sich im Weltzusammenhang sehen. Die Themen, die sie mit ihrem Kind hat, sind die Themen, die die gesamte Menschheit mit ihren Kindern hat. Sie kann also Einiges verstehen, wenn sie auf sich selbst UND auf die Welt schaut. Mutterschaft ist ein politisches Thema, da es die Kernthemen der Menschheit berührt. Diese Themen sind: Liebe, Vertrauen und Wahrheit. Oder deren Kehrseite, dann sind es: Kampf, Vergleich und Lüge. Als Mutter und werdende Mutter ist es wichtig, sich auf die erste Seite zu stellen. Wir müssen bereit sein für unsere eigenen inneren Heilungsschritte, für Arbeit an uns selbst. Muttersein bedeutet, die eigene Macht zu kennen. Für mich bedeutet Muttersein, in die eigene Größe zu gehen und dort Pol zu sein, wo es gerade gebraucht wird.

Diese Thesen sind Teil des Curriculums der Mutterschule in Tamera, die gerade begonnen hat. Sie ist das Gefäß, in dem sich werdende Mütter und Mütter mit kleinen Kindern auf das Thema „Mutter werden in einer neuen Kultur“ ausbilden können.

J. E.: Wenn dieses Gefäß der Mutterschule ganz aufgebaut ist, wird es sicherlich ein Aspekt der Ausbildung des „Globalen Campus“ sein, welcher sich in der Aufbauphase befindet..

 

Ihr glaubt an das Ideal der freien Liebe, ohne auf die wirtschaftlich tragfähigen Strukturen die eine matriarchale Gemeinschaft kennzeichnen, zurückgreifen zu können. Bedeutet das letztendlich, dass die Mütter von Tamera wirtschaftlich gesehen ganz auf sich selbst gestellt sind?

J.E.: Uns geht es um eine neue Kultur, in der die Mütter eingebettet sind. Das beinhaltet, dass die Frauen auch wirtschaftlich von der Gemeinschaft getragen sind und sich dort einbringen.  Zwar sind die Eltern in erster Linie für ein Kind verantwortlich. Aber wie Sobonfu Somé sagt, gehört eine ganze Gemeinschaft dazu, ein Kind großzuziehen. Das gilt in Tamera auch finanziell.

SB: Wir wollen eine Struktur des Vertrauens und der Unterstützung aufbauen. Und das in allen Lebensbereichen.

Eine Mutter wird unterstützt, wenn sie diese Unterstützung braucht. Zur Zeit ist z.B. eine Mutter mit ihrem neugeborenen Sohn im zwei Autostunden entfernten Krankenhaus in Lissabon, da es während der Geburt Komplikationen gab, die einer längeren Betreuung bedürfen. Neben dem Vater des Kindes und der Großmutter wird sie auch von anderen Gemeinschaftsmitgliedern begleitet. Das Ideal der freien Liebe kommt hier zum Tragen, denn unter den unterstützenden Menschen ist auch einer ihrer Geliebten. Er kennt sie gut und ist doch nicht zu sehr emotional mit der Situation identifiziert. So hat er genügend inneren Abstand, um sie noch einmal ganz anders zu begleiten.

Diese Unterstützung aus der Gemeinschaft beschränkt sich jedoch nicht auf die soziale Begleitung. Auch bei den anfallenden Kosten, die nicht von der Krankenkasse getragen werden (wie z.B. die angemietete Wohnung oder Fahrtkosten), wird sie von der Gemeinschaft unterstützt.
 

Fühlen sich die älteren und weiseren Frauen Tameras dafür verantwortlich, den jüngeren Frauen den Zusammenhang zwischen freier Liebe und den Schwierigkeiten, die alleinerziehende Mütter zu bewältigen haben, bewusst zu machen?

SB:  Ja. Die reiferen Frauen fühlen sich dafür verantwortlich, die jüngeren zu unterstützen. Aber: allein erziehende Mütter – dieser Begriff hat in Tamera keine Bedeutung. Mütter sind in der Gemeinschaft aufgehoben, ob sie einen Partner haben oder nicht. Wir wollen die Familie nicht auflösen, sondern sie in ein größeres Gefäß einzubetten, mehr Menschen mit ein beziehen. Dadurch werden Antworten auf viele Alltagsfragen und Probleme möglich. Jedes Gemeinschaftskind hat einen Vater, mit dem die Mutter und das Kind je nach Lebensumständen mehr oder weniger Kontakt haben.

JE: Es gibt verschiedene Formen der Unterstützung für Mütter. Z. B. gibt es in Tamera einen „Frauenrat“. Durch ihre meist langjährige Gemeinschaftserfahrung werden diese Frauen gerne aufgesucht, wenn es soziale Fragen gibt. In diesem Rat sitzen nicht nur alte, weise Frauen, sondern auch junge Frauen bringen dort ihr Wissen mit ein.

Wir arbeiten am Aufbau einer neuen Kultur, die das weibliche Wissen zum Wohle des Ganzen entfaltet und mit den männlichen Stärken eine lebenswerte Zukunft schafft.

 

Noch etwas zu uns: Wer sind S.B. und J.E.?

Silvia Belgardt (31), Erzieherin; lebt seit 6 Jahren in Tamera und ist Mutter eines 1 ½ jährigen Sohnes. Seit zwei Jahren arbeitet sie am „Platz der Kinder“ und ist Trägerin der entstehenden Mutterschule. Als „Auszubildende“ im Frauenrat wächst sie immer mehr in den Bereich der sozialen Mitarbeit in Tamera.

Jana Elger (36), Kunstpädagogin; lebt seit 7 Jahren in Tamera. Sie ist Netzwerkarbeiterin des „Institutes für globale Friedensarbeit“ mit dem Schwerpunkt Tibet und Indien. Seit einem Jahr arbeitet sie als Künstlerin und Lehrerin am „Platz der Kinder“ und ist Mit- Trägerin der entstehenden Mutterschule.